Seiteninhalt
29.10.2015

Interview: "Regional und fair zusammenbringen"

Sybille Neumeyer vom Landwirtschaftsamt will Fairtrade im Landkreis Tuttlingen voranbringen

Der Landkreis Tuttlingen will Fairtrade-Landkreis werden. Den entsprechenden Beschluss hat der Kreistag kürzlich gefasst. Damit ist es aber längst nicht getan, erklärt Sybille Neumeyer, die sich im Landwirtschaftsamt des Landkreises um das Thema kümmert, im Gespräch mit Redakteurin Dorothea Hecht.

Der Beschluss steht - auf Papier. Wie geht es jetzt in der Praxis weiter?

Der Kreistag hat ja beschlossen, dass in den Sitzungen Fairtrade-Kaffee ausgeschenkt wird und auch andere Produkte wie Tee, Gebäck oder Zucker aus fairem Handel kommen. Jetzt suchen wir dafür erstmal Anbieter, wo wir diese Dinge dauerhaft beziehen können. Außerdem bin ich gerade dran, die Informationen auf unserer Homepage einzustellen. Von der Startseite des Landkreises kann man dann dirket darauf klicken.

Wenn jetzt Fairtrade-Produkte eingeführt werden, kommt das den Landkreis nicht teurer?

Nein, das ist nicht unbedingt mit mehr Kosten verbunden. Ein Kaffee mit guter Qualität kostet in etwa dasselbe wie ein Fairtrade-Kaffee. Effektiv sind es vielleicht ein paar Cent pro Tasse, für den Kreistag dann ein paar Euro mehr.

Was bringt es dem Landkreis eigentlich, wenn er das Faitrade-Siegel bekommt?

Vor allem hat unser Image was davon. Und der Landkreis hat eine Vorreiter-Rolle, übernimmt soziale Verantwortung. Vielleicht ist es sogar etwas, was dazu beiträgt, dass ein Arbeitnehmer hierherkommt. Natürlich bezweckt der Verbund Fairtrade-Towns auch, dass faire Produkte in den Handel kommen.

Wie viele Läden sollen sich beteiligen?

Wir suchen 24 Händler und Gastronomen im ganzen Landkreis, die jeweils mindestens zwei Fairtrade-Produkte anbieten. Dazu zählen auch Supermärkte, aber wir wollen uns da breit aufstellen. Außerdem sollen sich eine Schule, eine Kirche und ein Verein beteiligen. Da laufen schon die ersten Anfragen.

Tuttlingen selbst ist schon zertifiziert als Fairtrade-Stadt. Wie wollen Sie kleinere Gemeinden dazu bringen, mitzumachen?

Natürlich wäre es leicht, nur die Tuttlinger Händler in unsere Liste aufzunehmen, dann wäre sie schnell voll. Aber wir wollen schon den ganzen Landkreis abdecken. Da gab es zum einen vor ein paar Jahren einen fairen Einkaufsführer für den Landkreis. Diejenigen, die dort aufgeführt sind, wollen wir reaktivieren. Zum anderen hoffen wir, auch durch Öffentlichkeitsarbeit Partner zu finden.

Viele kaufen lieber regionale Produkte als solche, die einen weiten Transportweg hinter sich haben. Ist regional nicht sinnvoller?

Das schließt sich ja nicht gegenseitig aus. Fairtrade-Produkte sind so etwas wie Mango, Banane, Kaffee, Kakao - die werden hier alle nicht produziert, sondern kommen aus Regionen, wo die Leute keine Lobby haben. Das Tolle ist: Man kann regional und fair ja zusammenbringen. Das ist zum Beispiel beim Mango-Apfel-Saft der Fall. Die Äpfel stammen von Streuobstwiesen vor Ort und werden mit fair gehandeltem Mangopüree vermischt. Es würde mich freuen, wenn wir noch mehr solche Projekte ins Boot holen.

Faitrade ist nicht gleich Fairtrade. Supermarkt-Ketten haben oft eigene Zertifizierungen, die aber nicht die gleichen Standards erfüllen wie das original Fairtrade-Siegel. Wie stellen Sie sicher, dass es sich wirklich um fair gehandelte Produkte handelt?

Das Problem ist tatsächlich, dass die Bezeichnung "fair" nicht geschützt ist. Bei der Zertifizierung sind neben dem Original-Siegel weitere Zeichen zugelassen. Voraussetzung ist, dass das Siegel Mitglied der WFTO ist oder ein Weltladen-Lieferant.


Autor/in: Dorothea Hecht
Quelle: Gränzbote